The Second Coming (2004)

"Life's good, but not fair at all" hat Lou Reed auf seinem wunderbaren Album 'Magic and Loss' gesungen. Das Leben war Ende der 90er zwar nicht immer gut zu Tobi und mir, dafür aber mit Sicherheit höchst unfair, denn es ließ 'Remote Control' auf ein Riff laufen (eigentlich war da gar kein Riff, wir gingen einfach und ohne echte Not von Bord) und spülte uns an unterschiedliche Gestade. 

 Da saßen wir jahrelang jeder auf seiner Insel und bastelten an unseren Leben. Manchmal - war es Realität oder nur eine Fata Morgana? - konnten wir die Insel des anderen sehen und wir riefen. Aber wir erhielten keine Antwort. Manchmal glaubten wir ein Rufen zu hören, ganz leise im Wellenrauschen, aber wir hielten es für Einbildung und ignorierten es, denn wir mussten uns ja um wichtige Dinge kümmern.

Die wichtigen Dinge wuchsen und gediehen prächtig, weil wir uns so viel um sie kümmerten. Und sie wurden groß und stark und wollten uns auffressen. Das, was wirklich wichtig war, blieb auf der Strecke, trieb immer weiter hinaus ins Meer. Manchmal, wenn wir alleine waren oder betrunken, konnten wir es verzweifelt winken sehen und wir dachten, wir müssten hinausschwimmen und es retten, aber es wäre doch viel zu weit und wir würden es niemals schaffen.

Ja, mein lieber Freund, daraus entstand 'Eating Bullshit'. 

Anscheinend hat sich doch einer ins Wasser gewagt. Vielleicht ist der andere entgegengeschwommen (oder im Schlauchboot gepaddelt), oder ein freundlicher Fährmann erschien aus dem Nichts, denn sonst wäre die zweite CD, 'The Second Coming' niemals entstanden. So kam es nach mehreren Jahren zur Reunion. Man merkt deutlich die Reife, die die wichtigen Dinge und der Ernst des Lebens mit sich gebracht haben, denn die Ironie ist noch ein wenig beißender geworden.

Warum - so wird sich der Kenner fragen - warum bezieht sich der Titel einer CD, die zum größten Teil fröhliche und gelassene Lieder enthält, auf ein düsteres Gedicht des großen irischen Lyrikers und Autors William Butler Yeats (1865-1939)?

Die Idee kam schleichend wie das Beast, die Rückkehr des Projekts Remote Control auf Tonträger, nicht als Bringer der Apokalypse, sondern als Gegenpol in einer Zeit, in der Musik zu häufig ohne Sinn und Bedeutung ist, in der Stars von Medien gemacht werden und der Geschmack des Publikums an Industrietauglichkeit angepasst wird.
Es wurde Zeit, wieder ein wenig musikalische Anarchie auf die Welt auszuschütten, es wurde Zeit, den fehlenden Überzeugungen eine weitere Offenbarung entgegen zu setzen, es wurde Zeit für Remote Controls Second Coming.
"The Second Coming" ist experimenteller, aufwändiger, mit viel Liebe zum Detail. Dennoch dominiert die Spielfreude, alles ist erlaubt, was gefällt, und mühelos, manchmal auch schamlos wandeln sie auf Independent-Pfaden zwischen Folk und Rock. Dabei scheuen sie sich nicht vor parodistischen Ausflügen in Richtungen wie Country oder Latin.
Auf der CD gibt sich Manu als Sängerin mit schönen Background-Vocals die Ehre. Martin Stenger rührt bei "Eating Bullshit" und "Mr Copacabana" die Trommel.
johacker - a life in music
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